Die Sternwarte an der Oberrealschule Bautzen (heute Schiller-Gymnasium)

1900 begann der Bau einer neuen Oberrealschule (heute Schiller-Gymnasium), wobei auf dem Dachboden eine Plattform vorgesehen war. Ein an den Naturwissenschaften sehr interessierter Realschullehrer (Prof. Hermann Naumann) stellte deshalb an die Stadt den Antrag, das weitestgehend unbenutzte Fernrohr auf der Plattform der zukünftigen Schule aufzustellen. Diesem Ansinnen stimmte der Stadtrat vor allem aus bautechnischen Gründen und wegen der Feuersicherheit nicht zu und bat, neue Vorschläge zu unterbreiten.
1904 schlug die Realschulkommission vor, das Fernrohr bis auf Weiteres im Vorbereitungszimmer für Physik und Chemie der Realschule aufzustellen, wobei der Schuldirektor Obhut und Verantwortlichkeit über das Gerät übernehmen würde. Diesem Wunsch entsprach 1905 der Stadtrat.

Ab 1922 fanden die Sternwarte und der Stiebersche Frauenhofer-Refraktor ihren Platz in einem Raum des Physikkabinettes. Neu beschafft wurde ein vierzölliges Spiegelteleskop 100/900 mm.
1925 erhielt die sich gut entwickelnde Sternwartenarbeit einen harten Rückschlag. Das Zimmer im Physikalischen Kabinett, wo die astronomischen Instrumente untergebracht waren, brauchte man dringend für Schulzwecke. Folglich mußte die Sternwarte weichen. Geräte, Bücher und sonstige Einrichtungsgegenstände mußten auf dem Boden verstaut werden. Beobachtungen waren nur gelegentlich durch die Dachluken möglich. Anfang 1926 begann Studienrat Johannes Franz mittels Unterstützung der Eisengießerei und Maschinenfabrik AG und dem Fensterwerk R. Zimmermann mit dem Bau eines 6-zölligen Spiegelteleskopes, welches im gleichen Jahr fertiggestellt wurde. Die Optik, ein Parabolspiegel mit 164 mm Durchmesser und 1700 mm Brennweite sowie Okulare, die 40- bis 425fache Vergrößerungen erlaubten, wurden gekauft. Kostengründe zwangen dazu, die parallaktische Montierung aus Schrottmaterial herzustellen. Obwohl das parallaktisch montierte Instrument 3 Zentner schwer war, konnte es wegen guter Lagerung und guten Gewichtsausgleiches ruhig und sicher geführt werden.

Gemeinsam mit dem damaligen Rektor der Oberrealschule Oberstudienrat Dr. Kleber gelang es Johannes Franz die Stadtobrigkeit für den Neubau einer Sternwarte zu interessieren.

Die Stadtverordneten beschlossen im Jahr 1926, Mittel für den Ausbau der Sternwarte auf dem Dachboden der Oberrealschule zur Verfügung zu stellen. Private Stiftungen förderten ebenfalls wesentlich das vorgesehene Bauvorhaben.
Aus finanziellen und bautechnischen Gründen war die Errichtung einer Kuppel nicht möglich. Deshalb entstand ein nach Süden gelegener Beobachtungsraum, mit zwei in die Dachschräge eingesetzten großen Schiebefenstern, die sich mit Drahtseilübertragung bewegen ließen. Durch geschickte Aufstellung der Instrumente konnte der gesamte Südhimmel von 5 Grad Höhe bis zum Zenit sowie bis etwa 80 Grad nach Osten und Westen beobachtet werden. Hier wurden der Fraunhofer-Refaktor und das 6"-Spiegelteelskop, auf Freiträgern in die Wand eingelassen, plaziert. An den Beobachtungsraum schlossen sich zwei weitere ungeheizte Räume, die später für Ausstellungen dienten und eine kleine Werkstatt an.
In einen Raum wurden zwei elektrische Uhren montiert, wovon einen die MEZ und die andere die Sternzeit anzeigte. Der Neubau motivierte die Mitarbeiter der Sternwarte, sich besonders für die Ausgestaltung der Innenäume mit Karten, Bildern und Zeichnungen einzusetzen.

1927 entstand durch das Entgegenkommen der Herren Baumeister Kaup und Scheibe sowie durch eine ansehnliche Stiftung von Herrn Reinhardt ein weiteres beheiztes Zimmer für Schreib- und Rechenarbeiten, was gleichzeitig auch die Bibliothek beherbergte. Herr Fabrikdirektor Reichert stellte seinen 3"-Kometensucher der Sternwarte längere Zeit leihweise zur Verfügung und bot auch die Benutzung seiner Privatsternwarte mit einem 5"-Refraktor an. Die Einrichtung der neuen Sternwarte war mit einem wesentlichen Aufschwung der Arbeit verbunden.