Die Gründung der Sternwarte

Der Gründungsstermin der Bautzener Schulsternwarte ist ein Kuriosum. Bis 1990 war als ihr Gründungstag in den Jahresberichten der Sternwarte stets der 16. April 1922 ausgewiesen. 1991 entdeckten Mitarbeiter des Stadtmuseums im Woerl'schen Stadtführer von 1893 im Stadtplan auf dem Gelände des Gymnasialgartens ein Sternwartengebäude, welches mit der Nummer 64 registriert war. Außerdem fand man im Stadtarchiv 1992 eine Akte des Stadtrates aus den Jahren 1871 bis 1904, wo auf 134 Seiten wichtige Daten zur frühen Sternwartengeschichte aufgezeichnet sind. Damit stand fest, die Bautzener Schulsternwarte ist älter, als bisher angenommen wurde. Sie öffnete bereits am 20. Dezember 1872, also vor über 130 Jahren ihre Pforten.

Ihre Gründung erfolgte auf Grund eines Vermächtnisses des wohlhabenden Bürgers und Bautzener Apellationsgerichts-Vizepräsidenten Dr. Friedrich Carl Stieber (1800-1867). Stieber war auch als Amateurastronom tätig und hatte sich im Garten seines Grundstückes auf der Töpferstraße eine komplette Sternwarte eingerichtet. Sie bestand aus einem kleinen Beobachtungsgebäude mit einer kupferbedeckten Drehkuppel und einem um 1820 von Utzschneider & Fraunhofer in München gebauten Original-Fraunhofer-Refraktor. Sein Objektiv hat 80 mm wirksame Öffnung (2 1/2") und 1300 mm Brennweite. Das Gerät ist parallaktisch montiert, mit Positionskreisen und Feinbewegung versehen. Die Nachführung erfolgt mittels zwei Klöppeln per Hand. Sternwarte und Fernrohr mit Zubehör schrieb der Erblasser in seinem Vermächtnis der Stadt Bautzen mit der Auflage zu, diese für die astronomische Bildung der Schuljugend einzusetzen.

1871 einigte sich schließlich der Stadtrat, die Sternwarte zu Lehrzwecken im Garten des Städtischen Gymnasiums zu errichten, weil hier relativ günstige Beobachtungsbedingungen gegeben waren. Zum Vorhaben holte der Stadtrat 1871 auch die Zustimmung des "Königlichen (sächsischen) Ministeriums des Cultus und Öffentlichen Unterrichts" ein. Im Schreiben der "Gymnasial-Commissiion" vom 30.08.1871 heißt es u a., dass "das Observatorium unter der Aufsicht und Obhut des Rector stehen soll und für Lehrzwecke vor allem vom Gymnasium, den katholischen und evangelischen Lehrerseminaren, den städtischen Schulen und der gewerblichen Sonntagsschule benutzt" werden kann. Das Ministerium stimmte zwar dem Vorhaben des Stadtrates zu, lehnte aber eine Beteiligung an den Kosten für die Errichtung der Sternwarte ab.

Am 20. Dezember 1872 wurde die Bautzener Schulsternwarte ihrer Bestimmung übergeben und bis 1890 für die vorgesehenen Zwecke genutzt. Leider liegen für diese Zeit keine Unterlagen über den Inhalt der Arbeit vor. Aus dem Schriftverkehr des Stadtrates ist zu entnehmen, dass die Nutzung des Fernrohres durch verschiedene Fachlehrer leider auch zu Schäden am Gerät führte dessen mehrmalige Reparatur erheblichen Kostenaufwand verursachte.
Der Zahn der Zeit führte zu Schäden am Gerät und auch am Sternwartengebäude. So gab es Überlegungen, das Instrument an einem anderen Beobachtungsort aufzustellen und die Verantwortung für die Bedienung des Gerätes einem geeigneten Fachlehrer zu übertragen.
Deshalb entsprach der Stadtrat 1891 der Bitte des Schuldirektors und des Physik- sowie Geographielehrers der neuerrichteten Knaben-Bürgerschule und ließ das Fernrohr im 3. Stockwerk der Schule neben dem Physikkabinett in einem separaten Raum aufstellen. Die Bedienung des Instrumentes stand unter der Obhut des Physiklehrers der Schule. Die Vorstellung, das Fernrohr auf dem Dach der Schule zu installieren, scheiterte wegen baulicher Schwierigkeiten. In den Folgejahren wurde das Fernrohr wahrscheinlich nur wenig für Lehrzwecke genutzt.