Arbeitsgebiete der Schulsternwarte im Laufe der Zeit

Von 1872 bis 1905 diente die Sternwarte sicher hauptsächlich dem Schulbetrieb sowie der Lehrerausbildung. In den Jahren von 1905 bis 1921 wurde das Fernrohr kaum für Lehrzwecke genutzt. Wahrscheinlich gab es in dieser Zeit keine praktische Sternwartenarbeit. Zumindest sind keine Zeugnisse über Aktivitäten der Einrichtung bekannt.

1922 fand eine Neugründung der Bautzener Schulsternwarte in der damaligen Oberrealschule (heute Schiller-Gymnasium) statt. Die Anregung ging vor allem von Schülern des Naturwissenschaftlichen Vereins "Isis" aus. Besondere Verdienste erwarb sich dabei Johannes Franz (1892 bis 1956), ein seit seiner Jugendzeit begeisterter Sternfreund, der damals als Studienassesor an dieser Schule tätig war.

Leitgedanke des Wirkens von Johannes Franz war der Ausspruch Diesterwegs: "Die Astronomie keinem, auch nicht einem einzigen Menschen vorzuenthalten". In diesem Sinne sah Franz als Hauptanliegen der Sternwarte, besonders Jugendliche für Erscheinungen und Vorgänge am Sternhimmel zu interessieren und sie damit vertraut zu machen. Mit anziehenden himmelskundlichen Vorträgen verstand er es, vor allem den wissbegierigen jungen Zuhörern das Tor zur Astronomie aufzustoßen.

Um dieses Ziel zu erreichen, war die Teilnahme an einem Beobachtungskurs mit der Lösung von etwa 30 Übungsaufgaben
- astronomische Schülerübungen genannt - Voraussetzung. Die Übungen verfolgen das Ziel, die Orientierung am Himmel zu üben, Details bestimmter Objekte (Mond, Planeten, Sonne) zu zeichnen, Fähigkeiten und elementare Fertigkeiten zur Bedienung astronomischer Instrumente sowie notwendiger Zusatzgeräte und zur Arbeit mit ihnen zu erwerben. Dabei wurden auch vorliegende Sternkalender, Ephemeridenkataloge und Sternatlanten benutzt.

Geprägt von den Interessen des Leiters existierten an der Bautzener Schulsternwarte folgende Arbeitsgruppen, die in der Regel aus 4 bis 5 Schülern bestanden:
- Sonnenbeobachtungen
- Mondbeobachtungen
- Planetenbeobachtungen
- Beobachtungen von Sternbedeckungen
- Beobachtung veränderlicher Sterne
- Gerätepflege und Bau von Instrumenten

Die Arbeitsgruppen leisteten eine beachtenswerte wissenschaftliche Zuarbeit für Facheinrichtungen bei der Lösung von Forschungsaufgaben, so z. B. bei der Sonnenüberwachung für die Eidgenössische Sternwarte in Zürich oder bei Erkundung des Lichtwechsels Veränderlicher für die Sternwarte Sonneberg, was von dort durch Anerkennungsschreiben honoriert wurde.

In Einvernehmen mit der Stadtverwaltung und der Sächsischen Landeswetterwarte in Dresden-Klotsche entstand 1934 an der Schulsternwarte Bautzen eine Wetterstation 2. Ordnung mit dazugehörigen Instrumenten die bis 1996 unter der Nummer 408 für den den amtlichen Wetterdienst arbeitete. Von 1954 bis 1996 arbeitete die Sternwarte als des meteorologischen Dienstes der DDR und nach der Wende des deutschen Wetterdienstes. Die Station wechselte mehrmals ihren Standort (Oberrealschule, Reichsbahnamt, Landwirtschaftsschule, Naturpark).

Der Start des ersten künstlichen Erdsatelliten (1957) in der damaligen Sowjetunion leitete für die Schulsternwarte Bautzen ein neues Kapitel in der wissenschaftlich-praktischen Arbeit mit Schülern ein.
Auf Bitten der der damaligen sowjetischen Akademie der Wissenschaften beteiligte sich die Sternwarte Bautzen von 1958 bis 1982 an den internationalen Satelittenbeobachtungen und war hier eine leistungsfähige Station bei der optischen Bahnkontrolle künstlicher Raumflugkörper. Zur Bahnvermessung der Satelliten erhielt sie von der Akademie zwölf dafür angefertigte Spezialfernrohre (AT-1).
Die Bahnvermessung der Satelliten, d. h. Bestimmen ihrer Koordinaten, Aufzeichnen von Fixsternen in der Umgebung des Objektes bei gleichzeitiger exakter Zeitmessung auf Zentelsekunden Genauigkeit war für die Ausführenden ein Arbeitsgebiet, was höchste Konzentration und Exaktheit erforderte. Gewonnene Beobachtungsergebnisse wurden sofort mittels eines bereitgestellten Fernschreibers den Weltrechenzentren in Moskau und Cambridge/Mass. (USA) übermittelt. Gemeinsam mit der Schulsternwarte und Satellitenbeobachtungsstation in Baja (Ungarn) wurde ein simultanes Beobachtungsprogramm entwickelt und erprobt, aus dessen Resultaten erstmals der Nachweis von Luftdichteschwankungen in den obersten Atmosphärenschichten gelang. Dem Programm, INTEROBS genannt, schlossen sich die Schulsternwarten Rodewisch, Eilenburg und Schwerin, sowie weitere europäische Stationen an. Damit erlangte die Schulsternwarte Bautzen internationale Bedeutung und Bekanntheit.

Zentrum für astronomische Schulbildung
1959 zog Astronomie als Unterrichtsfach in die Schulen ein. Traditionsbewußt unterstützte die Sternwarte von Anfang an zielstrebig, tatkräftig sowie vielseitig und erfolgreich das neue Unterrichtsfach und entwickelte sich so zu einem wichtigen Zentrum für den Astronomieunterricht. Sie war wesentlich an der Gestaltung des Fachlehrplans, an der Entwicklung von Lehr- und Lernmaterialien für den Unterricht sowie an der Konstruktion und Erprobung des Schulfernrohres "Telementor" beteiligt.
Insbesondere widmete sich die Sternwarte der Unterstützung schulastronomischer Beobachtungen.

1968 erhielt die Sternwarte ein Zeiss-Kleinplanetarium (ZKP 1) mit 42 Sitzplätzen, was eine wesentliche Bereicherung für die Unterrichts- und Öffentlichkeitsarbeit war. Fortan fanden für alle 10. Klassen des Kreises, aber auch aus anderen Regionen
vor allem Unterrichtsstunden zur Orientierung und zu Bewegungen am Sternhimmel im Planetarium statt, dessen technische Möglichkeiten anschaulichen Einblick in die Vorgänge der Sternenwelt gibt.

Tatkräftig unterstützte die Sternwarte die Aus- und Weiterbildung der Astronomielehrer. So fanden 1964 erstmals in Bautzen die Tage der Schulastronomie statt, wo vor etwa 200 Teilnehmern, unter ihnen auch Gäste aus den Nachbarländern, profilierte Vertreter der Fachwissenschaft und Fachdidaktik referierten. Bis 1972 hatte diese beliebte freizügige Veranstaltung ihren festen Platz im jährlichen Fortbildungsprogramm. Nach 20jähriger Pause fand auf Anregung der Sächsischen Akademie für Lehrerfortbildung die Wiedergeburt der Tage der Schulastronomie, jetzt als bundesweite und europaoffene Fortbildungsveranstaltung statt. Fast 100 Lehrende in Astronomie trafen sich dazu 1992 wiederum in Bautzen.
Bis zum Jahre 1989 nutzten rund 4000 Astronomielehrer in fast 40 Veranstaltungen die Möglichkeiten für ihre fachlich-didaktische Weiterbildung. In Zusammenarbeit mit der Pädagogischen Hochschule Dresden und der Technischen Universität wurden von 1962 bis 1992 in 9 Durchgängen 270 Lehrer in einem zweijährigen Studienlehrgang zur Erlangen der Lehrbefähigung für das Fach Astronomie geführt.

Die Sternwarte Bautzen ist Gründungsstätte der einzigen deutschsprachigen astronomie-didaktischen Zeitschrift, die ab 1964 vom damaligen Schulbuchverlag Volk und Wissen in Berlin unter dem Titel "Astronomie in der Schule " herausgegeben wurde und heute im 39. Jahrgang unter der Bezeichnung "Astronomie+Raumfahrt im Unterricht" beim Pädagogischen Zeitschriftenverlag in Velber erscheint. Von 1964 bis 1981 war die Sternwarte Sitz der Redaktion.